„Wir stehen früher auf“ – und sind trotzdem Letzter

3. April 2008

Während meiner Abwesenheit scheint ja ziemlich viel über die Be.Berlin-Werbekampagne diskutiert worden zu sein (z.B. bei Don oder, in etwas anderer Form, bei Ahoi Polloi). Schnell griffen dann die Diskussionen auch auf die „Claims“ (was für ein äh tolles Wort) anderer Städte und Bundesländer über und natürlich wurde bemängelt, dass diese so oft in englischer Sprache seien, was diesen nicht immer zum Vorteil gereife. Don meinte dann aber:

Sachsen-Anhalt Land der Frühaufsteher zeigt, dass man sich auch ohne Englisch zum Volldeppen machen kann.

Ganz ehrlich, ich kann Dons selbstgefälliges Geschwafel und das Bashing von allem und von jedem, was nicht in sein ach so intellektuelles bayrisches Weltbild passt, meist nur schwer aushalten (warum lese ich eigentlich seine Blogs? Naja, schreiben kann er halt und ein bisschen Provokation passt mir manchmal ganz gut), aber hier hat er ausnahmsweise mal vollkommen recht. Die „Wir stehen früher auf“-Kampagne ist doch echt unsäglich, und das sag ich als in Sachsen-Anhalt Aufgewachsener. Auf einmal war Sachsen-Anhalt mal in irgendeiner Statistik Erster und schon musste man sich draufschmeißen. Aber was soll das eigentlich sein? „Wir stehen früher auf“? Was hat der potenzielle Tourist, Investor oder sonstwer davon, dass Sachsen-Anhalter im Schnitt ein paar Minuten eher aufstehen? Oder soll es eine Warnung sein? Vielleicht verlangen sachsen-anhaltische Hotels demnächst, dass ihre Gäste ihr Zimmer schon um 8 Uhr räumen, oder es werden wichtige Meetings einfach so auf 7 Uhr gelegt. Dann hätte der einheimische Verhandlungsteilnehmer natürlich einen deutlichen Vorteil, weil er ja frühes Aufstehen gewohnt ist, während sein gegenüber noch wie eine Heckenschere aus der Wäsche kuckt. Möglicherweise alles Taktik. Wer weiß.

Immerhin gibt es seit ein paar Wochen eine neue Kampagne, die zumindest etwas origineller ist: Bekannte Weltkulturerbestätten (à la Cheops-Pyramiden oder Chinesische Mauer) werden gezeigt und darüber steht dann der Hinweis „Mehr davon gibt es in Sachsen-Anhalt“. Es folgt der Verweis auf die in unmittelbarer Nähe zueinander liegenden drei Weltkulturerbestätten Luthergedenkstätten, Wörlitzer Gartenreich und Bauhaus. (Warum sind diese Plakate eigentlich nicht im Netz zu finden? Da haben die findigen, früh aufstehenden Marketingstrategen wohl etwas äh verpennt.) Aber auch auf diesen Plakaten taucht der unsägliche Claim leider auf.

Das haben die meisten anderen Bundesländer doch wirklich besser hinbekommen, „Wir können alles, außer hochdeutsch.“, fällt mir da ein oder „Immer wenn wir eine Party feiern, wird gleich Demokratie draus“ (als Verweis auf das Hambacher Fest) oder die Thüringer Kampagne, bei der man zunächst glaubt, man hatte das Bild eines norwegischen Fjordes vor sich, bis man dann die Aufschrift „So viel Norwegen gibt es in der Mitte Deutschlands“ (oder so ähnlich, kann mich nicht mehr genau erinnern) liest. Das ist doch alles origineller als „Wir stehen früher auf“. Somit haben sich die Frühaufsteher mal wieder auf den letzten Platz katapultiert.

Naja was solls, ich glaube ich gehe jetzt ins Bett und freue mich, dass ich als Wahl-Berliner das „Recht“ auf einige Schlafminuten mehr habe als in meiner alten Heimat.

3 Antworten to “„Wir stehen früher auf“ – und sind trotzdem Letzter”

  1. […] Am Samstag gab es einen Ausflug nach Nebra zu so einem Himmelsscheibenmuseum mitten in der Pampa. Den Weg vom Parkplatz zum Museum versüßte eine Steigerung der bekloppten Imagekampagne “Wir stehen früher auf”: […]

  2. eule70 said

    Gerade vor ein paar Tagen fuhren wir zum ersten Mal im Leben über eine Grenze zu Sachsen-Anhalt und sahen auf dem „Willkommens-Schild“ voller Erstaunen den Spruch „Wir stehen früher auf“. Oh Gott, hat uns das einen Schreck eingejagt – wir beide sind nämlich notorische Ganz-Spät-Aufsteher“! Kann natürlich daran liegen, dass bei uns, 6° östlicher Länge, die Sonne tatsächlich später aufgeht als bei Euch (ca. 11°). Aber als wir in Halle ankamen, waren wir doch ganz beruhigt: Touristen-Info, Museen und was sonst noch öffnen erst um 10 Uhr, und von unserem Wohnmobil-Stellplatz am Info-Zentrum Fährstraße konnten wir beobachten, dass erst gegen halb elf ein Angestellter aus dem Auto stieg und sehr gemütlich zur Tür zockelte und aufschloss. Gott sei Dank, bei Euch wird auch nur mit Wasser gekocht….
    Frühaufsteher – brrrr!😀

    • jordroek said

      Dann frag ich mich allerdings, wer da noch früher aufsteht, um den Schnitt bei solchen „Ausreißern“ zu drücken (bzw. zu heben, wie mans nimmt).

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