Versus X sind nerdy, na und?

21. Juli 2008

Progger sind nerdy, schreiben ellenlange Stücke mit kryptischen, intelektuell anmutenden Texten, haben einen Hang zu Bombast und Pomp, fahren auf 70er-Jahre-Synthie-Sounds ab und legen nicht so wahnsinnig viel Wert auf Äußerlichkeiten. So viel zum Klischee.

So gesehen ist „Primordial Ocean“ von der deutschen Prog-Formation Versus X ein Musterbeispiel progessiver Musik. Das Scheiblein kratzt an der 80-min-Marke und enthält trotzdem nur 5 Stücke, von denen eines auch noch lediglich ein zweiminütiges Klavier-Interlude darstellt. Im Klangbild grüßen an jeder Ecke Hammond-Orgeln, Mellotrone und Moogs. Die Produktion ist ziemlich trocken und nicht sehr voll, aber immerhin transparent. Den Gesang würde ich als gewöhnunsbedürftig bezeichnen. Für mich klingt der gute Arne Schäfer oft zu bemüht und zudem irgendwie zu „deutsch“, vor allem die Höhe macht ihm zu schaffen.

Aber eigentlich will ich mich gar nicht im üblichen Rezensenten-Blabla flüchten, das können andere besser. Worum es mir eigentlich geht, ist, dass Versus X nerdy, zuweilen over-the-top sind, manchmal nicht ganz geschmackssichere Keyboard-Sounds verwenden (nicht die herrlichen analogen meine ich, sondern die manchmal auftauchenden Keyboardstreicher im 80er-Stil), ab und zu etwas hölzern daherkommen und einen gewöhnungsbedürftigen Sänger haben, dass mir aber ihr neues Album trotzdem vorzüglich gefällt. Sicher, bei einigen Stellen frage ich mich schon: „Meinen die das jetzt wirklich noch ernst?“ Aber immerhin kann ich dann auch darüber lachen. Letztendlich macht die CD trotzdem Spaß, und ja, manchmal braucht man auch Bombast.

Eines muss man den Jungs aus Mühlheim am Main lassen, gute Stücke können sie tatsächlich schreiben. Niemals wirken sie zusammengeschustert und auf Länge getrimmt, alles scheint, als müsste es genauso sein. Natürlich verneigt sie sich oft vor den alten Göttern der 70er, aber das geschieht nie auf anbiedernde Weise, die Eigenständigkeit bleibt gewahrt. Und wenn z.B. im ersten Stück nach ca. 10 min über einem zurückhaltenden Klavierteil ein herrlicher Moog „hereingezoomt“ (bzw. -„gefiltert“) kommt und sich das ganze dann immer mehr zu wunderbarem, nicht kitschigen Bombast steigert, was will man dann eigentlich noch mehr?

Eigentlich sind mir auch so Dinge wie Booklet-Design und Artwork durchaus nicht unwichtig. Diesem Anspruch wird „Primordial Ocean“ leider nicht gerecht, ich finde das Booklet grottenhässlich, aber das ist mir in dem Fall vollkommen wurscht. Versus X interessieren sich nicht für solche Dinge, sondern schreiben lieber den nächsten Longtrack. Das können sie meinetwegen sehr gerne tun.

Und irgendwie mag ich sie halt auch, diese leichte Übertriebenheit, die aber noch einen gewissen Charme ausstrahlt, einen Charme, wie er eigentlich typisch bei Proggern anzutreffen, leicht nerdy eben, aber dennoch verschroben-sympathisch. So sind Versus X. Ich würde mir nicht wünschen, dass alle Bands so sind wie sie. Aber für Versus X geht das in Ordnung.

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