Fragmente eines Festpielbesuchs

13. August 2008

Ja, ich habe es getan, ich war letzte Woche bei den Bayreuther Festspielen und habe mir die Meistersinger an“gesehen“ (warum das „gesehen“ in Anführungsstrichen steht, dazu später mehr). Der Besuch war mit vielen vielen Eindrücken verbunden, sodass eine vollständige Darstellung aufwändig und mitunter gar (für Leser und Schreiber) ermüdend wäre. Deshalb hier ganz fragmentartig einige Episoden.

Der große Mummenschanz

So pilgern sie nun, die Reichen und weniger Reichen, die Kenner, die Möchtegern-Kenner und auch manche Banausen zum Grünen Hügel. Um die Veranstaltung gebührend zu ehren, werfen sich die allermeisten (abgesehen von dem Herrn in bayrischer Tracht und einigen Kurzbehosten) mehr oder weniger kräftig in Schale. Manchen der männlichen Zuschauer reicht ein Sakko mit T-Shirt, für andere muss es ein Gehrock sein; bei den Damen reicht das Spektrum vom Kleinen Schwarzen über Hosenanzüge bis hin zu ausladenden Kleidern. Man sah deutlich, dass die Kleidung einiger zweifelsohne ihren Preis hatte, was aber nicht immer durch ein am Ende wirklich gutes Aussehen honoriert wurde: Leider bewahrt auch Reichtum nicht vor Geschmacklosigkeit.

Der große Mummenschanz, Teil 2: Vom Rockfestival zu den Festspielen

Und wie ich dort also das bunte (bei den Herren eher schwarz-weiße) Treiben vor dem Eingangsportal beobachte, fiel mir plötzlich eine junge Dame auf, die nicht so ganz ins Schema passen wollte. Gewiss, ein durchaus schickes schwarzes Kleid trug sie, doch irgendwie ließen die grüngefärbten Stellen in ihren ansonsten blonden Haaren in mir die Ahnung aufsteigen, dass sich besagte Dame wohl sonst eher auf anderen Veranstaltungen herumtreibt. Die unter dem nur knapp über dem Boden befindlichen Kleidersaum hervor“tretenden“ nackten Füße bestätigten diesen Eindruck. Als der Blick auf ihren rechten Arm dann auch noch offenbarte, dass selbiger mit den Eintritts-Armbändern diverser Rockfestivals geschmückt war, wurde mir bewusst, dass sich diese Dame wohl der Veranstaltungsform „Festival“ in ihrer ganzen Breite widmet, was in mir viele Sympathien auslöste.

Ausmaße

Wagnerianisch war wahrlich (fast) alles bei den Festspielen. So deckten sich die Preise der zum Festspielhaus gehörigen Getränkestände sowie des angrenzenden Steigenberger Festspiel-Restaurants in ihren Ausmaßen in etwa mit der Länger Wagnerischer Opern Musikdramen. Bei Wagner darf es eben immer etwas mehr sein.

Die Galerie

Hoch oben unterm Dach (fast hätte ich geschrieben: im Gebälk) waren sie, unsere Plätze und ließen uns spüren, was es heißt, „auf den billigen Plätzen zu sitzen“. Dicht gedrängt sitzen die Zuschauer da in ihren nicht unbedingt bequemen Holzsitzchen (UL6, 2091/92 anyone?) und wenn die Saalbeleuchtung ausgeht, bekommt man ein nicht mehr wohlig zu nennendes Gefühl von Klaustrophobie. Angesichts der hohen Außentemperaturen und der „kuscheligen“ Körperdichte stiegen in der „Galerie“ (denn so heißen diese Plätze) die Temperaturen auf ein Maß an, das jenseits dessen liegt, was man – festspieladäquat gekleidet – als angenehm bezeichnen würde. Sitzt man dann auch noch, und das passierte uns, hinter einer Säule, so beginnt traurigerweise das Opernerlebnis etwas zu leiden. In diesem Moment schien es auch eher ein schwacher Trost zu sein, dass die Karten für diese Plätze ganz und gar unwagnerianische 6,50 Euro gekostet hatten. Für den dritten und längsten Akt kam mir jedoch ausgerechnet Regisseurin Katharina Wagner, Urenkelin des Komponisten, zu Hilfe, die mit ihrer modernen Inszenierung einige meiner Sitznachbarn vertrieb, sodass ich mir für das Finale einen Platz mit besserer Sicht gönnen konnte. (Vielleicht war es auch weniger die Inszenierung, als die saunaartige Galerie, die meine Mitzuschauer vertrieb.)

Der zur falschen Zeit und dafür um so lauter ging

Apropos vertreiben: Just während des berühmten Beckmesserständchens im zweiten Akt, bei dem in Katharina Wagners Aufführung Schuhe von der Decke fielen, hatte der ältere Herr vorne links vor mir offenbar genug. Urplötzlich stand er auf, sagte mit nicht eben leiser Stimme und mit bairischem Zungenschlag: „Des is ja net mehr auszuhoiten hia.“, und drängte sich geräuschvollst durch die erste Reihe in Richtung Ausgang. Ich musste mich fragen, ob es wohl daran lag, dass ihm das Beckmesserständchen nicht gefiel. Das hätte mich kaum verwundert. Oder waren es die fallenden Schuhe? Beim Hinausgehen nach dem zweiten Akt war besagter Herr auch bei anderen Galerie-Sitzern Thema. Wild wurde über den Grund seines plötzlichen Verschwindens spekuliert, wobei einige die Theorie aufzustellen schienen, dass der Grund nur die, dito, Wärme und Enge der Galerie war. Ich weiß es nicht.

Der Festspieldiscount

Wir waren nicht die einzigen, die die wagnerianischen Preise der zum Haus gehörigen Gastronomie scheuten. Doch es gab einen Ausweg: Unweit des zum Festspielhaus gehörenden Parks befindet sich ein Plus mit den üblichen Preisen. Die einstündigen Pausen zwischen den Akten ließen genug Zeit, sich hier mit der ein oder anderen Stärkung zu versorgen. So tummelten sich dort dann auch einige Besucher, die in ihrer Festspielkleidung einen gehörigen Kontrast zum Discounter-Interieur bildeten.

Der Text

Ich gebe es zu, ich hatte das Libretto vorher nicht vollständig gelesen. Tags zuvor hatte ich zwar das entsprechende Reclam-Bändchen gekauft, aber mangels Zeit nicht geschafft, es zu Ende zu lesen. Wie zu erwarten war, ein Fehler. So konnte ich nicht immer einordnen, was auf der Bühne geschah. Böse Zugen würden behaupten, das läge eher an der Inszenierung, aber diesen will ich mich nicht anschließen. Ich gelobe Besserung. (Für Interessierte: Das Libretto gibt es beim Projekt Gutenberg, leider nur in einer nicht sehr gut lesbaren Version.)

Große Köpfe, Farbtöpfe, Puzzles und Phalloi – Die Inszenierung

Die wie gesagt durchweg modern gestaltete Inszenierung wartete ab und zu mit den üblichen Schockeffekten auf, die nicht mehr wirklich schocken können: Nackte Menschen, angesteckte Phalloi. Aber zum Glück wurde der Bogen nicht überspannt. Gefallen hat mir die Figur des Hans Sachs (gespielt von Franz Hawlata): Ein Künstler – er ist hier viel mehr Poet als Schuster – der für das bornierte Treiben seiner Mit-Meistersinger meist nur Schulterzucken übrig hat. Der Figur entsprechend ist auch seine „Werkstatt“ kaum noch als solche zu bezeichnen: Sie kommt als modern eingerichtetes Penthouse daher, in dem Sachs nicht mehr an der Schusterbank sondern an der Schreibmaschine sitzt.

Im dritten Akt fühlte ich mich zudem teilweise an Big-Head-Mods diverser Computerspiele erinnert (ja, ich weiß, nerdiger Vergleich), so traten dort Figuren mit überdimensionalen, nicht immer richtigherum aufgesetzten Köpfen, unter denen sich auch der Komponist selbst befand, auf und tanzten fröhlich in der Gegend herum.

Durch die gesamte Aufführung hindurch wurde zudem, vor allem wenn der brilliant von Klaus Florian Vogt gesungene Stolzing auftrat, das Gesungene visualisiert: Stolzing setzt beim ersten, missglückten, Versuch, ein Meister zu werden, ein Puzzle falschherum zusammen. Wann immer er gegen die strengen Regeln der Meistersinger aufbegehrt, tut er das nicht nur mit der Stimme, sondern auch mit dem Pinsel, indem er munter die Kulisse bemalt.

Das waren jetzt nur einige erwähnenswerte Aspekte. Werde ich jetzt zum Opern- oder gar Wagnerfan? Ich weiß es nicht. Aber es war durchaus eine sehr interessante Erfahrung, die Lust auf mehr wecken könnte, auch wenn mich, der Textmenge, die ich hier verfasst habe, nach zu urteilen, anscheinend das Drumherum mehr beeindruckt hat, als die Oper selbst…

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