70200 Zitate in einem Musikstück – Arbeit für die GEMA (aktualisiert)

18. August 2008

Der Neue-Musik-Komponist Johannes Kreidler hat ein 33-sekündiges Stück komponiert, in dem nach eigenen Angaben 70200 Zitate anderer Musikstücke enthalten sind. Und wie es sich für einen ordentlichen Urheber gehört, möchte er dieses Stück bei der GEMA ordnungsgemäß anmelden. Dazu muss er jedes Zitat auf einem Formular nachweisen. Die entstehende 70200 Formulare will er dann am 12.September beim GEMA-„Hauptquartier“ in Berlin abgeben. Mit dieser Aktion möchte er die Grenzen des derzeitgen Urheber- und Verwertungsrechts aufzeigen und für neue Methoden des Urheberrechtsschutzes werben. Hier der Trailer:

[via]

Und hier gehts zur Projektseite, auf der auch Interview mit dem Komponisten zu lesen ist.

Sicher, die Aktion kommt anarchisch daher und sicherlich werden dazu viele „Ach, diese Künstler wieder“ schreien, aber, und das finde ich bemerkenswert und gut, ganz so ungestüm und reflektiert geht Kreidler eben nicht vor. Es ist Tatsache, dass für jegliche Samples bezahlt werden muss, denen man ihre Herkunft noch ansieht bzw. anhört (sofern die entsprechenden Stücke urheberrechtlich geschützt sind, versteht sich). Ab wann man aber an einem musikalischen Zitat noch seinen Ursprung erkennt, das wird dann zur juristischen Frage und man mit Ästhetik nichts mehr zu tun. Dazu der Komponist:

M: Wenn nun Ihr Stück aber nur 33 Sekunden lang geht, sind diese Tausende Zitate doch unhörbar kurz.

K: Das bestimmen nicht Sie, sondern Juristen. Schon kleinste Klangfetzen können als fremdes geistiges Eigentum gelten, worauf der Anmeldebogen ausdrücklich hinweist. Es gibt da dieses ironische Wort dafür, „Schöpfungshöhe“. Dazu zählt jeder Murks der Volksmusik, und natürlich potentiell auch jedes Byte.

Positiv finde ich auch, das Kreidler eben nicht den Totalverzicht auf ein Urheberrecht fordert, sondern für flexible Lösungen wirbt, die dem technologischen Stand entsprechen. Er hat auch schon eine weitere Maßnahme geplant:

Als nächstes komme ich mit einem leeren Laster und reiche ein symbolisches Nichts ein, meine Musik ist nun geläutert und rein, nur von mir und niemandem sonst. Ich habe mir schon einen Decoder dafür programmiert, „3pm“, die Umkehrung von „mp3“, mit dem nicht die unhörbaren Frequenzen entfernt werden, sondern die hörbaren. Das wäre die Lösung.

Was Kreidler hier anspricht, ist die Zwerge-auf-Schultern-von-Riesen-Geschichte. Sprich: Wir alle profitieren von den Errungenschaften unserer Vorfahren. Nichts ist allein unser Werk. Ich bin kein uneingeschränkter Freund der Theorie des toten Autors (sonst würde ich meine RSS-Feeds im Reader wohl nicht akribisch nach Autoren geordnet lesen…). Trotzdem finde ich die Frage sehr spannend, wo die „alltägliche“ public domain kultureller Praxen und Errungenschaften – niemand hat ein Patent auf die Gitarre oder die Zahnbürste – aufhört und wo das „Besondere“, die Kunst anfängt.

Kreidler ist natürlich nicht der erste, der solche Dinge thematisiert. Im Neue-Musik-Blog der NMZ, auf dem sich ein sehr lesenwerte Diskussion zum Thema entwickelt hat, meint ein Ernst Bechert:

Sagt euch der Name John Oswald noch was? Das ist der kanadische Komponist und Medienkünstler, der 1988 eine Platte unter den Titel “Plunderphonics” herausbrachte, die ausschließlich aus montierten Zitaten aus der Rock- und Popmusik bestand. Diese Platte wurde von Oswald nicht verkauft, sondern verschenkt – unter anderem, um gegen den Status Quo des Urheberrechts zu protestieren (es ging ihm beispielsweise darum, dass Zitate fremder Musik frei sein sollten, genau wie bei Kreidler). Einige große Unternehmen der Musikindustrie sorgten per Gericht sehr rasch dafür, dass Oswald seine Platte einstampfen musste.
Oswald hat seine Position in vielen Aufsätzen und Vorträgen seit etwa 1985 veröffentlicht, das meiste ist auch im Netz zu finden.
Auf der zweiten Plunderphonics-Platte, die Oswald unter dem Titel “Plexure” 1993 herausbrachte, wieder ausschließlich aus Zitaten der Pop/Rockmusik (diesmal musste sie nicht eingestampft werden, warum auch immer, vielleicht, weil sie diesmal nicht verschenkt, sondern normal verkauft wurde; jedenfalls habe ich ein Exemplar davon im Regal) gibt es übrigens einen verblüffenden Vorläufer von Kreidlers Komposition: das Stück “Rip” am Anfang der Platte montiert in gut 30 Sekunden ca. 600 Zitate nach- und übereinander.

So gesehen hat Kreidler ja auch schon plagiiert. Ein Plagiats eines Massenplagiats also, dass für die verantwortungsvolle Freigabe von Plagiaten wirbt. Es lebe die Meta-Ebene.

Mir fiel dazu noch ein weiteres, subtileres Beispiel ein. Der Künstler Nate Harrison hat 2004 eine Installation(?) angefertigt, in der ein Plattenspieler einen von ihm gesprochenen Text abspielt. Er erläutert dabei die Geschichte des sogenannten Amen-Break. Dies ist ein Drumbreak aus der B-Seite einer 1969 veröffentlichten Funk-Single, das seit den 80ern als Sample immer und immer wieder verwendet wird (darunter bei vermutlich so ziemlich jedem Jungle-Track). Das Break hat wirklich jeder schon mal irgendwo gehört. Hier die ganze Geschichte (18 Minuten, aber es lohnt sich):

Und noch eine Notiz zum Thema: Die Band Sieges Even musste vor einigen Jahren alle MP3s ihrer eigenen [sic] Stücke von ihrer Homepage entfernen, weil sonst dadurch GEMA-Kosten enständen wären, die eine solch kleine Band nicht hätte tragen können (bzw. wollen). In der Medienrubrik prangerte damals nur ein Hinweis à la: „All audio content removed thanks to GEMA.“ Mittlerweile hat man wohl eine Einigung erzielt.

Nachtrag 19.08.2008: Und natürlich ist auch dieser Artikel nichts weiter als eine Montage bisher vorhandener Dinge, gewürzt mit ein wenig eigener Meinung, die aber natürlich auch ihren Ursprung in diversen, ich nenne sie mal „kulturelle Strömungen“ hat. Gerade Blogs funktionieren ja größtenteils nach genau diesem Collage- und Montageprinzip und generieren damit trotzdem immer wieder Neues. Kopieren kann man wohl wirklich, wie es Kreidler sagt, als Kulturtechnik ansehen: Sie operiert in einem Symbolsystem und kann (ja gerade sie) auf sich selbst angewendet werden. Wenn man Thomas Macho, Kulturwissenschaftler in Berlin, glauben darf, sind das die zwei zentralen Merkmale. Auch die Geschichte des Kopierens schein interessant. Im antiken Griechenland wurde fleißigst kopiert (sonst wären uns z.B. die Werke der Vorsokratiker gar nicht erhalten). Im Mittelalter schrieben Mönche immer wieder Bücher ab, bekanntermaßen nicht ohne auch Veränderungen daran vorzunehmen. Und ab der Neuzeit geht es natürlich mit diversen Drucktechniken und Faksimilisierung bis in die Moderne mit Kopiergeräten und angeblich verlustfreien digitalen Kopien und Abschriften munter weiter. Der Verlust, das „Rauschen“ spielt immer eine nicht unerhebliche Rolle und die Grenzen zwischen bloßer Abschrift und Interpretation oder gar Montage sind oft nicht klar zu ziehen.

5 Antworten to “70200 Zitate in einem Musikstück – Arbeit für die GEMA (aktualisiert)”

  1. […] weiterer Nachtrag zur GEMA-Kreidler-Sache 19Aug08 Interessant ist auch, wie sich diese Geschichte verbreitet hat. Auf dem Neue-Musik-Blog der NMZ stand die Sache schon seit dem 5.8., also seit zwei […]

  2. […] sage doch noch einer, in Kopien stecke keine Kreativität, nicht wahr, Herr Kreidler? Filed under: Andere Schweinereien   |   Tags: black sabbath, cover, […]

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  4. […] Raubkopien sind besser Musik Verwertungsrechte Interessante Story über GEMA und die Musik Verwertung […]

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