Wider den behaupteten Sprachverfall

18. September 2008

Der Bremer Linguistikprofessor Anatol Stefanowitsch lässt sich auf seinem Bremer Sprachblog gerne über die sogenannten „Sprachnörgler“ aus, über solche Leute also, die befürchten, die Deutsche Sprache sei durch den Einfluss des Englischen und die angebliche Gedankenlosigkeit ihrer Sprecher dem Verfall nahe. Regelmäßig nimmt er die Argumentationen solcher Sprachnörgler wissenschaftlich fundiert auseinander und zeigt, dass dahinter im Normalfall ziemlich viel heiße Luft steckt und dass das Deutsche demnach wohl eher wenig zu befürchten habe.

Letztens hat er einen Artikel des Linguisten Guy Deutscher verlinkt (sorry es kann sein, dass dieser nicht mehr verfügbar ist, da die Artikel der SZ nach einiger Zeit oftmals im kostenpflichtigen Archiv verschwinden). Dieser verfolgt solche Verfallsängste bis in die Zeit des Lateinischen zurück und zeigt, das offenbar in vielen Sprachen und Zeiten ähnliche Bedenken bestanden. Ein Absatz daraus spricht auch auf das Französische an und trifft damit ein Thema, über das ich auch schon öfter nachgedacht habe:

Nach Gaston Paris, einem der führenden französischen Sprachwissenschaftler des neunzehnten Jahrhunderts, wurde seine Sprache in Schande geboren, weil sie von Anfang an tief im Morast des Verfalls steckte: Das Französische war aus dem Vulgärlateinischen hervorgegangen, aus der Sprache der Massen, die „allmählich das richtige und instinktive Gefühl für die Gesetze der Sprache verloren hatten“. Infolgedessen war die neuentstandene Sprache „der Sprache, die ihr vorangegangen war, an Schönheit und Logik unterlegen“. Paris bezog sich auf die allgemein anerkannte Wahrheit, dass das Französische niemals die Schönheit seines klassischen lateinischen Vorfahren erreichen könne, dessen höchster Gipfel der Reinheit im goldenen Zeitalter Ciceros erreicht worden war.

Für das Deutsche wird ja von Kritikern immer wieder bemängelt, dass die Fälle zunehmend abgebaut werden (Stichwort: Der Dativ ist dem Genitiv der Tod) oder dass sich etwa die Wortstellung vereinfache („Ich kann morgen nicht kommen, weil ich hab da schon was zu tun.“), was angeblich der Ausdruckskraft der Sprache Abbruch tue oder allgemein „unschön“ und „schlecht“ sei.

Worauf ich hinaus will ist, dass genau diese Veränderungen in den romanischen Sprachen (und auch im Englischen) schon längst stattgefunden haben und zwar in bedeutend radikalerer Form, als das im Deutschen absehbar ist. Die 5 (bzw. 6) Fälle des klassischen Lateins (die Rede ist hier selbstverständlich von morphologischen Fällen, die sich durch Veränderungen der Wortendungen ergeben) haben sich in den romanischen Sprachen bekanntermaßen fast vollständig abgebaut und sind nur noch an wenigen Stellen andeutungsweise zu erkennen (etwa bei den Objektpronomen der 3. Person: frz. le,la/lui; span. lo,la/le). Damit einhergehend hat sich auch die Satzstruktur vereinfacht. Die Funktionen der Wörter ergeben sich aus der Position im Satz und nicht mehr aus der Endung.

Hat sich das nun auf die Ausdruckskraft der Sprache oder gar ihre Fähigkeit „intelligente Gedanken auszudrücken“ ausgewirkt? Mitnichten. In jenem anscheinend vollkommen korrumpierten Latein hat ein Racine Dramen geschrieben, ein Voltaire intelligente Gedanken verfasst, ein Baudelaire wundervolle Lyrik geschaffen, ein Foucault sich zwirbelnde, tiefgründige Gedankengänge zu Papier gebracht.

Das gilt natürlich nicht nur für das Französische. Etwas südlicher schrieb ein Calderón de la Barca wunderbare Dramen, ein Bécquer, ein García Lorca, ein Guillén ausdrucksstarke Gedichte. Auf der anderen Seite des Ozeans konnte z.B.  Jorge Luis Borges in derselben Sprache tiefsinnige cuentos verfassen, die dem Leser neue Dimensionen eröffnen. Man könnte die Liste ewig fortsetzen, was sich jetzt schon zeigt ist, dass jene schrecklich „vereinfachten“ Sprachen zu nicht weniger in der Lage waren und sind, als die Sprache, von der sie abstammen.

Sprachwandel ist ein normales Phänomen, das es immer schon gegeben hat. Er verläuft nicht in der Richtung kompliziert/rein/elegant –> einfach/korrumpiert/platt. Wenn das so wäre, dann müsste man, wenn man in der Sprachgeschichte zurückgeht, auf immer perfektere, elegantere Sprachen stoßen. Doch selbst jenes glorifizierte Latein war weit davon entfernt, perfekt zu sein. Selbst hier waren schon zahlreiche Kasus zusammengefallen und auch in der Konjugation ergaben sich diverse Mehrdeutigkeiten. Noch weiter zurückzugehen, etwa bis zum Indogermanischen, dürfte wohl nicht zu anderen Ergebnissen führen.

John Searle behauptet, dass alles was gemeint werden auch gesagt werden kann. Selbst wenn eine Sprache nicht über die nötigen Mittel dazu verfüge, sei es den Sprechern immer möglich, ihre Sprache zu erweitern, so dass sie sich ausdrücken können. Eine Sprache, die über weniger Flexionsmöglichkeiten oder eine festere Wortstellung verfügt, engt ihre Sprecher nicht ein. Bloß weil das Spanische nicht mehr über einen ablativus instrumentalis oder einen a.c.i. verfügt, heißt das noch lange nicht, dass Spanischsprecher diese Kategorien nicht denken können. Die Sprachgemeinschaft hat im Laufe der Zeit andere Mittel entwickelt, um solche Dinge auszudrücken, in diesem Falle etwa Präpositionen oder Nebensätze.

Auf die deutsche Sprache bezogen heißt das, dass man sich kaum Sorgen um ihren scheinbaren Verfall machen muss. Selbst wenn der Genitiv in hundert Jahren verschwunden sein sollte, wird sich längst eine andere Möglichkeit, etwa ein Besitzverhältnis auszudrücken, etabliert haben. Dümmer oder uneleganter werden die Deutschen, Österreicher, Schweizer und Liechtensteiner dadurch sicher nicht geworden sein.

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