Gedankengebäude mit wackliger Hintertür

19. September 2008

Philosophische Theorien abzufassen ist schon nicht so einfach. Da baut man mitunter über Jahre hinweg ausufernde Gedankengebäude, ja -schlösser, sorgt für ordentliches Fundament, vernünftige Treppen, um auf die unterschiedlichen Ebenen zu kommen, und versieht zum Schluss noch die Fenster mit feingliedrigen Ornamenten. Wenn man nett zu den Lesern ist, macht man zudem Türen und Flure nicht zu klein, damit sich diese auch vernünftig in der Theorie bewegen können.

Und dann kommt irgendein anderer Philosoph dahergelaufen und bringt mit ein paar gezielten Griffen das Fundament und damit das ganze Schloss ins Wanken. Tolle Wolle. Da hilft nur Vorsorgen. Wie macht man das? Eine Möglichkeit wäre zu versuchen, diverse Kritiken vorherzusehen und die Gegenmaßnahmen dazu gleich im Gebäude unterzubringen.

Das dachte sich wohl auch John R. Searle, als er sein Buch „Sprechakte. Ein sprachphilosphischer Essay.“ schrieb. Von früheren Veröffentlichungen wusste er wohl schon, dass einige Wissenschaftler geben würde, die sich, kaum ist das Haus cfertig, mit einem großen Hammer bewaffnet, darauf stürzen würden, mit dem Ziel, das Ganze möglichst schnell zum Einsturz zu bringen. Also brachte er im letzten Teil seines Buches eine Art Zwiegespräch zwischen ihm und einem imaginären Kritiker unter.

Das liest sich dann ganz lustig. Der Kritiker sagt so Sachen wie „Ich bin noch immer nicht überzeugt, anscheindend hast du mich nicht richtig verstanden.“ Und Searle hat natürlich immer die passenden Antworten parat. Der Kritiker habe natürlich alles falsch verstanden und überhaupt ganz falsche Vorstellungen usw. usf.

Es ist natürlich klar, dass der Autor dort nur die Einwände anbringt, die er auch entkräften kann, aber ich musste mich fragen, was wäre, wenn es nicht so wäre. Was wäre, wenn der imaginäre Kritiker den Autor überzeugt und der Autor damit zugibt, dass Schloss auf Sand gebaut zu haben? Das wird sicher nie passieren, aber ich fände es schon witzig. Jedoch auch frustrierend für den Leser. Man stelle sich vor: Man ackert sich durch hunderte von Seiten, versucht alles nachzuvollziehen, exzerpiert sorgfältig, und am Ende gibt der Autor ein fies grinsendens „April April“ von sich. Wer da das Buch nicht mit voller Wucht an die Wand schmeißt, der muss schon ein sehr ruhiger Zeitgenosse sein.

Und wie ich weiter darüber nachdachte, fiel mir ein, dass ich annähernd schon mal so etwas gelesen habe, zeitlich und örtlich allerdings ganz anders situiert: Der spanische Philosoph José Ortega y Gasset hat in den 20er Jahren einen Aufsatz namens „La deshumanización del arte“ (Ins Deutsche glaube ich als „Der Auszug des Menschen aus der Kunst“ übersetzt) verfasst, in dem er die Kunst seiner Zeit beschreibt. Hauptthese ist, dass sich die zeitgenössische Kunst aller „menschlichen“ Elemente entledigt habe. Alltagsgefühle, Anekdotisches hätten keinen Platz mehr, stattdessen würde die Kunst sich selbst genügen. Auf Ebene der Poesie sprach er gar von einer „Algebra der Metaphern“.

Wie dem auch sei. Das ganze ist nicht immer 100%ig überzeugend, aber glücklicherweise nicht sonderlich schwer zu lesen (abgesehen davon, dass natürlich das Lesen in einer Fremdsprache immer mehr Zeit in Anspruch nimmt.) Trotzdem könnte einen am Ende etwas der Frust packen. Da schreibt er doch tatsächlich, nach ca. 50 Seiten Abhandlung wohlgemerkt:

Es, pues, sobremanera probable que este ensayo de filiar el arte nuevo no contenga sino errores. Al terminarlo, en el volumen que él ocupaba, brotan ahora en mí curiosidad y esperanza de que tras él se hagan otros más certeros.

Es ist nun überaus wahrscheinlich, dass dieser Aufsatz über die neue Kunst nichts als Fehler enthält. Jetzt, wo ich ihn beende, stehen an seiner stelle große Neugier und die Hoffnung, dass nach ihm treffendere geschrieben werden.

Naja, ich nahm es mit Humor…

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