Eine römische (Un)Kuriosität

26. April 2009

Als Lateinschüler kommt man sich mitunter wie in einem Dschungel vor, einem gigantischen Dickicht aus Formen, Konstruktionen, Kasusfunktionen, Partizipien und schwer zu bestimmenden Nebensätzen. Mit großer Mühe kann man sich zwar meist einen Weg bahnen, doch immer wenn man glaubt, jetzt gibt es nichts mehr, jetzt hat man ein Ende erreicht, ab jetzt wird es nur noch einfacher, stellt sich einem ein neues Hindernis in Form einer neuen Konstruktion, eines neuen Phänomens, einer neuen Besonderheit in den Weg.

Einen der größten dieser Felsen stellen wohl die sogenannten Deponentien dar. „Das sind Verben mit passiven Formen, aber aktiver Bedeutung“, erklärt sie der Lateinlehrer (oder auch Wikipedia). Klingt komisch? Ist es auch! Aber Moment, um das genauer zu erklären muss ich ein wenig weiter ausholen: Im Lateinischen gibt es wie im Deutschen zwei sogenannte Diathesen (oder genera verbi), sprich Aussagearten des Verbs, Aktiv und Passiv. Im Lateinischen werden sie jedoch auf andere Weise ausgedrückt: Wähend man im Deutschen immer ein Hilfsverb braucht, um ein Verb ins Passiv zu setzen (z.B.: „ich heile“ vs. „ich werde geheilt“, reicht im Lateinischen die Verwendung einer spezifischen Passivendung aus: sano = ich heile, sanor = ich werde geheilt, oder: sanas = du heilst, sanaris = du wirst geheilt. Sprich, es gibt zwei Sets von Personalendungen, die jeweils für Aktiv und Passiv verwendet werden, auch über verschiedene (jedoch nicht alle, aber das ist jetzt nicht so wichtig) Zeitformen hinweg.

Nun gibt es aber Verben, die eben nicht beide Sets von Personalendungen annehmen können, sondern nur die passivischen und dabei trotzdem – zumindest im Deutschen – als Aktiv übersetzt werden. Beispiel gefällig? Die Form admiror etwa trägt die typische Passivendung der 1. Person Singular Präsens und doch wird sie als Aktiv übersetzt: ich bewundere (achja, eh ichs vergesse, Personalpronomen werden im Lateinischen meist weggelassen, wer Spanisch oder Italienisch kann, dem wird das bekannt vorkommen). Nun gilt das aber nicht für dieses Verb, sondern für eine ganze Reihe weiterer Verben, z.B. labor = ich falle, cunctor = ich zögere utor = ich benutze usw.  „Die spinnen, die Römer“, damit könnte man das Ganze abtun, doch zumindest der gute Lateinlehrer ist hier natürlich nicht um eine Erklärung verlegen. „Die Deponentien, die haben sie aus dem indogermanischen Medium entwickelt“, ja sogar  „die lateinischen Passivendungen haben  sich  aus ebendiesem Medium entwickelt“, würde er sagen.

Das Medium liegt sozusagen zwischen Aktiv und Passiv und bezeichnet damit eine Handlung, die direkt auf ihren Urheber zurückwirkt. Das gibt es durchaus auch im Deutschen und wird dort meistens mittels eines reflexiven Verbs ausgedrückt: ich wasche mich. Wer sich wäscht, dessen Handung wirkt direkt auf ihn zurück, nämlich dadurch, dass er nass und dann im Idealfall auch sauber wird. Objekt der Handlung ist der Sich-Waschende selbst, er wird also auch gewaschen. Genau dieses Dazwischenstehen zwischen Aktiv und Passiv wurde im Indogermanischen mit dem Medium (und dieses durch bestimmte Personalendungen) ausgedrückt. Mit der Entwicklung der lateinischen Sprache überwog bei diesen Endungen zumindest bei den meisten Verben  immer mehr die passivische Bedeutung. Einige Verben behielten jedoch den medialen Charakter. So sagten auch noch die Lateiner in klassicher Zeit: lavor = ich wasche mich.

Das im Hinterkopf behaltend, ist das mit den Deponentien vielleicht gar nicht sogar komisch. Und tatsächlich findet man durchaus Deponentien, bei denen die Verwendung der passivischen Form weniger eigenartig scheint, als das Aktiv im Deutschen. Beispiel: labor = ich falle. Was zum Henker ist daran (von der Bedeutung her) aktiv? Wer fällt, ist wohl selten aktiv tätig. Wer stirbt im Übrigen auch nicht (morior = ich sterbe). Und auch bei anderen Verben bleibt zumindest der mediale Charakter deutlich: Wer zögert (cunctor), ist eben auch vom Zögern ergriffen, handelt ja gerade nicht. Wer bewundert (admiror), ist von starker positiver Emotion über etwas/ergriffen, handelt eigentlich auch nicht so recht.  So doll spinnen (bzw. sponnen) sie dann wohl doch nicht, die Römer.

Das Passiv der Deponentien, dass uns am Anfang so merkwürdig und willkürlich erschien, ist also zumindest nicht willkürlicher, als unsere Zuweisung bestimmter Diathesen zu bestimmten Verben. Ich hatte zumindest immer die Vorstellung, „unsere“ Verwendung von Aktiv und Passiv wäre logisch und mehr oder weniger universell. Weit gefehlt. Fairerweise muss man aber sagen, dass der gemeine Römer mit der Zeit die Deponentien in den Orkus der Sprachgeschichte geworfen hat, sodass sie sich in keiner romanischen Sprache erhalten haben. Ob das jetzt aber wirklich daran lag, dass Deponentien scheinbar so „komisch“ sind, oder schlicht und einfach daran, dass die Passivendungen allgemein untergegangen sind, darüber würde ich mich gerne mal mit einem Latinisten unterhalten.

Wir als Sprecher einer modernen indogermanischen Sprache (die sich zwar nicht direkt aus dem Lateinischen entwickelt, aber doch denselben Vorfahren mit ihr teilt) würden diese Veränderung wohl als „Vereinfachung“, falls wir unablässige Kulturkritiker sind, auch als „Verfall“ interpretieren. Das liegt aber vermutlich vor allem daran, dass es in unserer Sprache eben weder ein Medium, noch Deponentien, noch passivische Personalendungen gibt und wir eben bestimmten Vorgänge, wie etwa das Fallen oder das Zögern mit aktiven Verben ausdrücken. Und das Eigene wird eben normalerweise als das Einfache, als das Normale empfunden. Wenn wir also vom „Vereinfachen“ reden, meinen wir eher das Annähern an die eigene Norm. Vielleicht wäre man daher besser damit beraten, diese Veränderungen einfach als solche zu verstehen, ohne sie auf einer Skala „schwer“-„einfach“, „kultiviert“-„dem Verfall anheimgefallen“ einzuordnen.

Sprachen bilden mit sich verändernden Lebenswirklichkeiten und manchmal auch einfach nur so immer wieder neue Dschungel und Dickichte, um das, was ihre Sprecher sagen wollen, auszudrücken. Es ist einfach unheimlich faszinierend, wie viele unterschiedliche Varianten sie finden, eben genau dies zu tun, wie kreativ sich eine Gruppe von Sprechern verhalten kann und wie bei diesem Verhalten immer wieder neue, funktionierende Systeme entstehen.

Nur eines habe ich immer noch nicht verstanden: loquor = ich spreche. Wo zum Teufel ist denn das mediale oder passivische Element beim Sprechen?

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