Hidden Frontier, oder: Fans können es manchmal eben doch besser (aktualisiert)

30. Mai 2009

Anstatt  das Ausbleiben neuer, guter Auswüchse ihres Lieblings-Franchise zu betrauern, dachten sich einige us-amerikanischen Trekker: „Das können wir besser!“ und starteten 2000 die kostenlose, via Internet verbreitete Fanserie Hidden Frontier [via]. Bis 2007 drehten sie insgesamt 50 Episoden, ohne großes Budget, dafür aber mit umso mehr Enthusiasmus.

Wie es sich mittlerweile für eine gute SciFi-Serie gehört, besteht Hidden Frontier nicht aus den früher üblichen Komische-Spezies-der-Woche-Folgen oder Anomalie-des-Tages-Episoden, sondern weist einen durchgehenden Handlungsbogen auf: Die Serie handelt von der Crew der U.S.S. Excelsior, die auf der Raumstation Deep Space 12 im Orbit des aus Der Aufstand bekannten Planeten Ba’ku stationiert ist. Dreh und Angelpunkt der Serie ist der angrenzende, zunächst weitestgehend unerforschte Briar Patch, eine Region des Weltraums voller merkwürdiger Phänomene die erst nach und nach hervortreten.

Wer jetzt denkt „Super, auf gehts“ und in der Episodenübersicht auf Staffel 1 klickt, der bekommt zunächst einen Warnhinweis vorgesetzt. Man solle sich gut überlegen, ob man denn wirklich mit Staffel 1 anfangen wolle und stattdessen lieber erst mal in die Staffeln 6 oder 7 reinschnuppern wolle. Schließlich seien die ersten Folgen eben die ersten, und damit, zumal bei einer Amateurproduktion, weit davon entfernt, perfekt zu sein.

Ich habe mich diesem Hinweis gebeugt. Mein Rat an alle Interessierten ist aber: Lasst es bleiben. Denn da gerade die Folgen der 6. und 7. Staffel stark in den Gesamthandlungsbogen eingebunden sind, versteht man ohnehin fast nichts. Fangt von vorne an und seht gnädig über die Schweinenase des Doktors (keine Sorge, sie ändert sich später), die komischen Grey-Bösewichte in den schwarzen Mäntelchen (die kommen später nie wieder vor) und die nicht immer guten schauspielerischen Leistungen der Hauptfiguren hinweg und genießt die Show ungespoilert von Anfang bis Ende. Denn es lohnt sich.

Die ganze Serie über kann Hidden Frontier den Amateur-Look nicht ablegen. Nahezu alle Szenen entstanden mittels des Chroma-Key-Verfahrens, d.h. die Figuren agieren vor statischen Bildern, die das typischer Star-Trek-Mobiliar zeigen und selbst die Szenen auf Planeten sind weit davon entfernt, als schick bezeichnet werden zu können. Doch nie war mir das so egal wie bei Hidden Frontier. Erstens fällt der Look nach einigen Folgen gar nicht mehr auf und zweitens, deutlich wichtiger, machen die Geschichten ihn allemal wett. Hidden Frontier erzählt eine interessante, komplexe Story mit vielen Wendungen, die den Zuschauer sofort in ihren Bann zieht. Das Tempo ist durchweg hoch, die Folgen oft geschickt strukturiert, die Charaktere vielschichtig. Zudem wird des Öfteren die Moralität des Tuns der Sternenflottenoffiziere in Frage gestellt. Die Sternenflotte als die über jeden Zweifel erhabene Instanz, die moralisch allen anderen Gruppierungen im Universum überlegen ist, wird hier endgültig zu den Akten gelegt.

Auch ansonsten begibt sich Hidden Frontier in Bereiche vor, die nie eine Star-Trek-Serie zuvor gesehen hat. Dass die Frauenquote auf der Excelsior (und auch unter den Bösewichten) locker bei 50% und damit sicher um einiges höher als etwa noch auf der Enterprise D liegt, ist im Hinblick auf die Voyager, wo das schon ähnlich war, zwar noch erwähnenswert, aber nicht mehr außergewöhnlich. Dass sich im Laufe der Serie jedoch unter drei männlichen Crewmitgliedern eine Dreiecksbeziehung ergibt und sich auf der Excelsior kaum jemand daran stört, das war bisher zumindest bei Star Trek ein absolutes Novum. In der Tat wird das Thema Homosexualität von Hidden Frontier mit erfrischender Normalität und unprüdem Humor (Stichwort „ridges“) behandelt.  Damit setzt Hidden Frontier das utopische Potenzial fort, das Gene Roddenberry schon in den 60ern in die Serie legte, als er, was in den USA der damaligen Zeit unerhört war, eine schwarze Frau auf die Brücke setzte und diese sich dann auch noch mit dem Captain küssen ließ.

Kritisch könnte man lediglich anmerken, dass der Beziehungsaspekt (allgemein, nicht nur der homosexuelle)  im Laufe der Serie zeitweise etwas überbetont wird. So gut ich es finde, wenn man sieht, dass die Crewmitglieder lebendige Individuen sind und auch ein Leben nach dem Dienst haben; wenn sich mir der Eindruck aufzwingt, die Autoren wollten – übertrieben gesagt – jede/n mit jeder/m verkuppeln, dann wird es kritisch, aber glücklicherweise überschreitet Hidden Frontier diese Grenze nur selten.

Alles in Allem übertrifft, was Storyaufbau, Charaktere und – ich nenne es mal – ‚Gewagtheit‘ betrifft, Hidden Frontier die Originalserien mehr als ein mal. Im Übrigen kommen auch humoristische und gar selbstironische Stellen nicht zu kurz. Fazit: Große Anschauempfehlung nicht nur für Star-Trek-Jünger.

Nachtrag: So viel zum Thema Selbstironie:

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