Durchaus einige Lichtblicke

21. September 2009

Dream Theater spielen demnächst in Berlin und ich nehme das jetzt einfach mal als unkreativen Aufhänger dafür, endlich mal die Rezension ihrer letzte Platte Black Clouds & Silver Linings nachzuholen.

CD rein, los gehts. „A Nightmare to Remember“: Donner, Regen, Geatme. Jaja, wieder eines dieses bedeutungsschwangeren Prog-Intros. Klaviergeklimper. Sag ich doch. Auf einmal machts Krach. Das wäre an sich nicht besonders überraschend, im Gegenteil. Aber die Art, wie es dort Krach macht, ließ mich beim ersten Hören daran zweifeln, ob hier wirklich die neue Dream Theater im Laufwerk liegt oder nicht doch das letzte Werk von Cradle of Filth. Somit gibt es schon mal einen Überraschungsbonus für die Herren. Leider geht das nicht so weiter. Denn was danach kommt, ist zwar kein „nightmare“, aber auch nicht wirklich „to remember“. DT-Standardkost. Vielleicht etwas härter als normal, aber alles in allem nicht weltbewegend. Jordan Rudess sollte sich dringend was Neues für seine Soli einfallen lassen. Den Rest des Beitrags lesen »

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Nachtrag: Fripps Aphorismen

14. August 2009

Jetzt ist mir aber doch tatsächlich noch ein schöner Fripp-Aphorismus untergekommen:

Music is the cup which holds the wine of silence.
Sound is that cup, but empty.
Noise is that cup, but broken.

Wie dazu wohl die analoge Vista-Fehlermeldung lauten würde?

Dass man mitunter ein Virtuose sein muss, um Betriebssysteme von Microsoft zu bedienen, wusste ich ja schon, aber dass sich Microsoft für die klangliche Untermalung  eines besonders schwergängigen Stückes Software, nämlich des scheidenden Windows Vista, auch virtuose Sounduntermalung geholt hat, ließ mir gerade fast die Kinnlade auf die Tastatur fallen.

Robert Fripp, ja DER Robert Fripp, treibende Kraft hinter dem Prog-Dinosaurier King Crimson, hat Systemssounds für Windows Vista kreiert. Wer es nicht glaubt: Hier und hier gibt es die entsprechenden Videos.

Nun ja, auch Herr Fripp soll ja so seine Marotten haben. Von daher liegt beides wohl näher als man glaubt. Schwergängig und kompliziert sind seine Stücke allemal und um die Windungen eines guten Crimson Songs nachvollziehen zu können, ist wohl ein ähnliches Maß an Erfahrung nötig, wie für das Verfolgen der Irrungen und Wirrungen diverser Microsoft-Programmierer (Ich frage mich gerade, ob es bei MS auch Programmiererinnen gibt. Weiß da jemand mehr?). Im Übrigen haben Fripps berühmte Aphorismen auch eine gewisse Ähnlichkeit mit Windows-Systemmeldungen. Da schließt sich doch der Kreis. Aber auch nur fast. Denn irgendwie macht Crimson (Fripps Solo-Ergüsse sind mir leider unbekannt) deutlich mehr Spaß als Windows Vista.

Wie ich ausgerechnet jetzt darauf komme? Nun, ich hörte gerade das erst gestern erworbene großartige Live-Album The Great Deceiver der 73/74er Crimson-Inkarnation, wollte mich auf Wikipedia etwas zu Herrn Fripp bilden und schon stolperte ich über diese unerwartete Information.

Eine Frage treibt mich jetzt noch um. Wenn Fripp (fast) so wie Vista ist, welcher Musiker ist dann wie Ubuntu? Mein erster Vorschlag: John Myung. Dezent im Hintergrund, aber doch äußerst virtuos. Andere Vorschläge?

Eigentlich wollte ich doch keine Links mehr einfach so durch die Gegend schleudern. Aber ich habe gerade Bedürfnis danach und ohnehin schon ewig nichts mehr gepostet, deshalb jetzt also zweieinhalb Links vor der Nachtruhe:

Die Kathedrale und der Basar von Eric S. Raymond. Dieser Text scheint sowas wie das Manifest der open-source-Bewegung zu sein und hat Ende der 90er Netscape dazu bewogen, den Quellcodes seines Navigators zu veröffentlichen, was  den Anstoß für das Mozilla-Projekt gegeben hat.  (Und nebenbei habe ich bei Wikipedia noch gelernt, dass open source nicht dasselbe wie freie Software ist.)

Wer statt des schnöden neuen Tracks von Dream Theater mal was wirklich Abgefahrenes hören will, der versuche es mal mit den Montréalern von Unexpect, herrlich krank und eben nicht vorhersehbar nenne ich das. Nach dieser absoluten Reizüberflutung kann man ja vielleicht mit OSI entspannen, wobei die jetzt auch nicht wirklich durchgehend soft sind.

Ok, das waren jetzt mehr als zweieinhalb links. Mir egal.

Mit einer der üblichen Gib-mir-deine-Daten-dann-geb-ich-dir-was-Schönes-Aktion hat Roadrunner Records vor einigen Tagen ein Stück vom neuen Dream-Theater-Album „Black Clouds & Silver Linings“ für 24h zum Download angeboten. Trotz der Datenfängerei musste ich da zugreifen, denn wenn meine musikalischen Lieblinge schon mal vorab etwas von ihrem neuen Werk veröffentlichen, kann ich mich nur schwer zurückhalten.

„A Rite of Passage“ ist auch die Single des Albums. Dies weckte zunächst die Befürchtung in mir, es könnte sich um langweiliges 4min-Radiostück handeln. Doch ich sollte zunächst beruhigt werden, knapp neun Minuten zeigte die Anzeige des Players. Also los: Play. Eindruck nach dem ersten Hören: Eher langweilig, um nicht zu sagen unteres Mittelmaß. Immerhin hatte sich nach dem zweiten Durchlauf der Refrain schon so in meinem Kopf festgesetzt, dass ich auf dem Weg zur Uni unwillkürlich anfing, ihn innerlich zu singen. Diese Eingängigkeit meine ich dabei keineswegs negativ.

Leider konnte sich mein erster Eindruck auch nach weiteren Runden im (virtuellen) Player nicht verflüchtigen: Das Stück wirkt einfach wie schon gefühlte 100 andere von Dream Theater. Das Haupt-Riff ist nett, aber nicht weltbewegend. Strophe und Bridge mehr oder weniger übliche DT-Kost.  Nach dem zweiten Refrain kommt dann der mittlerweile  für DT wirklich schon übliche – fast bin ich geneigt zu sagen: klischeehafte Breakdown, der die Instrumental-Sektion einleitet. Gähn. Und auch hier verharrt die Bandim Mittelmaß und liefert weiter nichts die üblichen Soli. Klar, Petrucci kann spielen, aber ist das eben schon lange nichts Neues mehr. Im Wesentlichen zitiert er sich selbst („The Ministry of Lost Souls“ fiele mir da spontan ein).

Kurz aufhorchen musste ich im zweiten Teil des Gitarrensolos. Oho, da kommt ja etwas Vertracktheit ins Spiel, und ein wenig abgefahrene Gitarrenarbeit. Doch dann fiel mir ein: So oder so ähnlich gab es das schon 1996 bei „Just Let me Breathe“. Ok, wollen wir aber mal nicht zu pingelig sein, immerhin ist es der erste Hinhörer des Stückes und bei fast 25 Jahren Bandgeschichte kann und sollte man über sowas hinwegsehen. Kurz darauf folgt die übliche Jordan-Dudelei, diesselbe seit „Scenes From A Memory“. Doch dann, doch dann kommt tatsächlich noch mal ein Hinhörer. Was macht der Herr Rudess den da? Das klingt ja wie ein eingestaubtes NES auf LSD! Das ist abgefahren, das ist geil, das haben die Herren noch nicht gemacht. Weiter so! Ach ne, und schon kommt der übliche Übergang und der obligatorische hinten rangeklatschte Refrain bringt die Sache zu ihrem Ende.

Ich mag Dream Theater. Sie müssen von mir aus ja auch nicht jedes Mal das Rad neu erfinden, aber „A Rite of Passage“ bietet abgesehen von den zwei genannten Hinhörern wirklich nur schnöde, schon weichgekochte Kost aus dem DT-Baukastensystem. Wo sind sie denn, die ungewöhnlichen Songstrukturen? Die wirklich guten Instrumentalabfahrten? Die innovative Gitarren- und Keyboardarbeit? In „A Rite of Passage“ ist fast nichts davon zu finden. „Es ist ja auch nur die Single“, könnte man da sagen. Ja richtig, aber selbst das haben DT schon besser hinbekommen („Lie“ und – ja – auch „Pull me Under“).  Noch schlimmer wird das Ganze dann im heute veröffentlichten Video, für das das Stück reichlichst verstümmelt und selbst der beiden letzten Hinhörer beraubt wurde. Ach und viel mehr als Mittelmaß bietet das Video selbst im Übrigen auch nicht. Ob sowas wirklich neue Hörerkreise anzieht?

Ich hoffe dennoch auf das Album. Vier der Fünf restlichen Tracks haben Längen weit jenseits der 10 Minuten. Das sagt selbstverständlich gar nichts über die Qualität aus, lässt aber doch hoffen.

Cynic – Traced in Air

25. Januar 2009

Derzeit bei mir in Dauerrotation: Cynic – Traced in Air.

Mitte Dezember durfte ich die durchgeknallten Ami-Progger im Vorprogramm von Opeth sehen. Das Interesse an dieser Band, die 1993 ihr erstes und bis letztes Jahr auch einziges Album veröffentlicht hatten, bestand schon zwar vorher, war dann aber endgültig geweckt. Zu verrückt und wunderbar waren die verzwirbelten Gitarrenlinien, immer wieder unterbrochen von stets angeschrägten cleanen Passagen; zu unwirtlich war die Gesamtstimmung, die sich aus der (zugegebenermaßen ziemlich krude erscheinenden) Kombination von technisch klingenden Gitarrenlinien mit hohem, nicht kreischendem Gesang und tiefen Growls, ergab, als dass ich mit damit nicht hätte näher beschäftigen wollen.

Das Technische kommt auf CD natürlich noch viel deutlicher zum Vorschein. Das ist ja durchaus – wenn auch nicht immer –  mein Ding. Traced in Air klingt kühl. Hart schon, aber stets kontrolliert und konzentriert, richtig brachiale Ausbrüche gibt es nicht. Dennoch hat es gerade der Anfang hat es in sich: Eine verfremdete Stimme, Soundeffekte, ein Rhythmus setzt ein. Ein Riff, das später wieder aufgenommen wird, deutet sich an. Mehr Drumming. Dann über dem Drumming der langgezogene Gesang von Paul Masdival. Die Spannung baut sich immer weiter auf und mündet dann in einem wunderbaren, für Cynic wohl typischen Doppelschlagriff (ich nenn das jetzt mal so, Erklärung auf Anfrage), zudem sich sofort eine zweite Gitarrenstimme gesellt. Doch das Geriffe hält nicht lange an. Auf einmal kommt eine meditative cleane Passage. Man ist schon im zweiten Stück der Platte, dem großartigen „The Space for This“, das kurz darauf mit einem ähnlich netten Doppelschlagriff aufwartet und sogar über, der Progger hört und staunt, einen richtigen, gar eingängigen Refrain verfügt. Und ein schickes Solo hat das Stück auch noch.

In diesem Stil geht es dann so weiter, bis die leider viel zu kurzen 34 Minuten der Platte vorbei sind. Alles in allem in jedem Fall eine sehr interessante, abgefahrene, inspirierende Platte. Ab und zu würd ich mir lediglich wünschen, dass sie nicht ganz so technisch und dafür etwas mehr auf die Zwölf daherkäme, aber man kann ja nicht alles haben. Und zur Abwechslung kann ich zwischen die Stücke der Cynic-Scheibe ja das ein oder andere Bloodbath-Stück schieben…

Für die Progger unter euch (falls vorhanden):

Today I finished my drum tracks for the new Dream Theater album!

And as I normally never give away song descriptions, titles, lengths, etc….I will say just this:

Imagine a DT album with A Change Of Seasons, Octavarium, Learning To Live, Pull Me Under and The Glass Prison….all on one album….

Das also meint Dream-Theater-Schlagzeuger Mike Portnoy zum neuen Album der fünf Herren aus New York. Womit mal wieder bestätigt wäre, dass für Musiker prinzipiell und immer und überall das neueste Album das beste ist…

… polyrhythmisch geheadbangt?“, fragte ich Anfang des Jahres.

Seit gestern Abend weiß ich die Antwort: Nein. Die Musik dieser ihrem Namen alle Ehre machenden schwedischen Metalband ist doch headbangerfreundlicher als ich dachte, was aber nicht heißt, dass sie nicht verdammt komplex wäre.

Zudem scheinen Meshuggah in Berlin mehr Leute zu interessieren, als sich das der Veranstalter gedacht hätte. Das Kato war jedenfalls gerammelt voll. Sogar aus Spanien waren Leute angereist, weil die Jungs dort nicht spielen.

Das Gedränge führte allerdings leider dazu, dass meine Bühnensicht ziemlich eingeschränkt war. Der Freude über diese geniale – und zugegebenermaßen ziemlich kranke -Musik tat das allerdings nicht so viel Abbruch.

Wer reinhören mag, die Myspace-Seite der Kombo hat ein paar Lieder zu bieten. (Mein Anspieltipp: der absolute Klassiker der Band: „Future Breed Machine“)

New York. Amerikanische Knallermusiker wühlen in der Rumpelkammer der Musikgeschichte. In der hinterletzten Ecke finden sie: den vor sich hin siechenden Math Rock. Er eignet sich eher zum Denken als zum Tanzen. Math Rock verdankt seinen Namen der mathematischen Präzision und Struktur, mit der er gemacht wurde – hauptsächlich von Jungs in den 1990ern, die Dissonanzen und vertrackte Rhythmen heißer fanden als Mädchen. Und wohl auch zugänglicher.

Die Renaissance eines nach Meinung vieler wohl verdientermaßen verstaubten Musikstils beschreibt die TAZ in diesem Artikel.

Und ich dachte immer Mathrock wäre dasselbe wie Technical Metal, oder zumindest nahe. Anscheinend nicht, da ich keine einzige der im Artikel genannte Bands kenne (ok, außer die klassichen Progger natürlich: Yes und Crimson und so). Da gibt es wohl noch was zu entdecken…

P.S.: Hm, aufs erste Hören klingen die Foals jetzt nun nicht so wahnsinnig mathematisch.

Einige von euch werden dieses herrlich selbstreferentielle und doppeldeutige Werk von Glenn Gould wohl schon kennen. Ich hatte davon bisher nur gelesen, heute stolperte ich über die obige Aufnahme.

Da stehen sie also da, die Sänger und wollen den Fugeschreibwilligen ermutigen, seine Fuge doch einfach drauflos zu schreiben. Doch oh weh, kurz darauf heißt es, der Fugenschüler soll gar nicht auf die Sänger hören. Also doch nach strengen Regeln vorgehen? Aber Cleverness der Cleverness wegen ist wohl auch nicht angebracht. Oder gerade doch?

Ach ja, und dass Fugen überhaupt nicht aus längst vergangenen Zeiten stammen müssen, haben die von mir sehr verehrten Gentle Giant vor einigen Jahrzehten ebenso bewiesen. (Und weils so schön ist, hier noch das modernere Knots derselben Band.)

Für Interessierte folgt noch der gesamte Text von „So you want to write a fugue?“:

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