Der Bremer Linguistikprofessor Anatol Stefanowitsch lässt sich auf seinem Bremer Sprachblog gerne über die sogenannten „Sprachnörgler“ aus, über solche Leute also, die befürchten, die Deutsche Sprache sei durch den Einfluss des Englischen und die angebliche Gedankenlosigkeit ihrer Sprecher dem Verfall nahe. Regelmäßig nimmt er die Argumentationen solcher Sprachnörgler wissenschaftlich fundiert auseinander und zeigt, dass dahinter im Normalfall ziemlich viel heiße Luft steckt und dass das Deutsche demnach wohl eher wenig zu befürchten habe.

Letztens hat er einen Artikel des Linguisten Guy Deutscher verlinkt (sorry es kann sein, dass dieser nicht mehr verfügbar ist, da die Artikel der SZ nach einiger Zeit oftmals im kostenpflichtigen Archiv verschwinden). Dieser verfolgt solche Verfallsängste bis in die Zeit des Lateinischen zurück und zeigt, das offenbar in vielen Sprachen und Zeiten ähnliche Bedenken bestanden. Ein Absatz daraus spricht auch auf das Französische an und trifft damit ein Thema, über das ich auch schon öfter nachgedacht habe:

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Dieser Artikel liegt schon seit ein paar Tagen in meinem Entwürfe-Ordner. Mir wollte einfach kein knackiger Anfang einfallen. Also mache ich das, was alle Anfangseinfallslosen in einem solchen Falle tun: Ich flüchte mich auf die Meta-Ebene.

Tja, hier oben angekommen, ist die Luft dann doch etwas dünn. Ich könnte jetzt stundenlang über die Unmöglichkeit des Anfangs schreiben, aber im Interesse der Leser lasse ich das mal bleiben. Also wieder runnerjehüppt von de Meta-Ebene.

Was ich eigentlich sagen wollte: Ich bin bei meinen letzten Streifzügen durch die europäische Poesie auf Herrn Baudelaire gestoßen. Jaaaaaaaja, alter Hut, werden die einen sagen. Ist ja richtig, is ja richtig, der Gute ist ja nun wirklich kein Geheimtipp, was nichts daran ändert, dass ich erst vor kurzem wirklich auf seine Poesie gestoßen bin. Und wie das so passierte, kam ich direkt an einem anderen Nicht-Geheimtipp vorbei, der mir vorher nur dunkel bekannt war: Wikisource. Jene Seite also, auf der man diverse Klassiker aus Poesie, Epik, Philosophie und wasweißichnoch als Volltext abrufen kann. Schickschick. Und dort (genaugenommen hier) stürzte ich mich auf das opus magnum von Herrn Baudelaire, die Fleurs du mal. (Außerdem habe ich noch eine sehr ansprechend gestaltete PDF-Version unter CC-Lizenz gefunden.) Das erste „richtige“ Gedicht des Zyklus hat es mir dann direkt angetan:

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Fundstücke

16. August 2008

Heut mal kurz und knackig. Drei Dinge, die mir in meinem Feedreader ins Netz gegangen sind:

In Frankreich hat man Angst um das Semikolon [via Languagehat]. Der Gebrauch dieses Satzzeichens scheint dort zurückzugehen. Verantwortlich macht man dafür (natürlich) den Einfluss der englischen Sprache. Deren Tendenz, die Dinge eher in kurzen Sätzen auszudrücken, färbe auf das Französische ab und kurze Sätze brauchen angeblich weniger Semikola. Und natürlich wird die Lust zum kurzen Satz gleich als Anfang vom Ende der langue de Voltaire Molière gesehen. Sprachapokalyptiker sind wahrscheinlich in jedem Land gleich.

Epistemologie bekommt seinen evil twin: Agnostologie, die Wissenschaft des Nicht-Wissens [via Foucault Blog]. Die Idee ist natürlich nicht so neu, wie es einem der Artikel weißmachen will – ein Schelm, wer denkt, da würde jemand nur nach Fördermitteln grasen wollen, (Ähnliches übrigens drüben bei Willyam) – aber dennoch ist der Artikel lesenswert.

Und noch was für die Augen: Der niederländische Designer Jesse van Dijk hat sich Gedanken gemacht, wie eine wegen Platzmangels in die Vertikale gebaute Stadt auf dem technischen Niveau des 17. Jahrhunderts aussehen könnte. Schwer zu erklären, lieber anschauen. (Und wer das nerdig findet, der wundere sich nicht, woher ich diesen Link habe.)

Wie verteilen Sie die Gurkenscheiben auf Ihrem Salat? Eine Frage, die die Menschheit bewegt. Wir haben verschiedene Personengruppen dazu befragt.

Knut Wagenteuer (Ästhet): So, wie es gut aussieht.

Christopherus von Nefari-Hunsrück (Ästhetiker): Nun ja, ich wählte zunächst ein Muster nach alten griechischen Beschreibungen, modifizierte dieses gemäß dem „Großen Lexicon der Gastrosophie, enthaltend alle Stichworte aus allen Bereichen der Gastrosophie und der angrenzenden Disziplinen. Fünfundzwanzigste, stark bearbeitete Auflage, mit wertvollen Anmerkungen meines geschätzen Freundes, dem Dr. Schnurwagen.“ von 1745, bastelte mir eine Schablone und legte die Scheiben auf. Anhand der generellen Problematik erörterte ich diverse wahrnehmungstheoretische Fragen und gelangte zu dem Schluss, dass zwischen Antike und Aufklärung trotz vordergrüdiger Ähnlichkeiten ein radikaler Bruch in der Technik, Gurkenscheiben auf den Salat zu legen, besteht. Vielen Dank, dass sie mir diese Frage gestellt haben, das ist genug Stoff für ein neues Buch. Falls sich dieses einigermaßen verkauft, kann ich mir demnächst vielleicht auch mal wieder Gurken leisten.

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Wer seine Kinder schon in jungen Jahren ganz spielerisch an die großen Philosophen heranführen will, kann das jetzt tun: mit den Philosophie-Actionfiguren „Nefarious Nietzsche“ und „Dangerous“ Descartes (via Mark). So lernen die Sprösslinge schon früh und ganz ohne Druck, was ein Übermensch ist, und was das mit „cogito ergo sum“ bedeuten soll. Damit ist der Grundstein zur Karriere als Philosophie-Professor gelegt. Für Fortgeschrittene soll es bald eine weitere Serie geben:

„Aggressive“ Adorno: macht seine Gegner fertig, indem er ihre Einbindung in die Konsumgesellschaft schonungslos aufdeckt. Wenn das nicht reicht, packt er seine eigenen zwölftönigen Kompositionen aus. Schwäche: Verwundbar durch Jazz-Musik.

„Fierce“ Foucault: Der kleine Giftzwerg aus Paris, Spezialist für biopolitische Kriegsführung. Zudem Beherrscher der Macht (extrem hoher Midichlorianer-, oder wie das heißt, Anteil im Blut). Schwächen: schwul keine bekannt.

„Agile“ Agamben: Schaltet in den Schmittschen Souveränitätsmodus und macht jeden Gegner mittels einschließender Ausschließung zum homo sacer, der getötet werden darf, ohne dass ein Mord begangen wird. Alternativwaffe: Einweisung ins Lager. Schwäche: Denkt Biopolitik schon seit der Antike.

„De(con)structive“ Derrida: Dekonstruiert alles und jeden und vernichtet die Reste mithilfe von entgleitenden Signifikaten (oder waren es Signifikanten?) Wunderwaffe: différance, fast das gleiche wie différence, aber eben nur fast. Schwäche: Die Hälfte der Welt hält ihn für einen Spinner.

Ist das nicht unser aller (damit meine ich uns Blogger) Problem? Jenes Problem, das uns nächtelang vorm PC hocken lässt, wohlwissend, dass wir, ohne das wir dem Unrechthabenden die Meinung gegeigt haben, sowieso nicht schlafen könnten?

Sprachblogger Anatol Stefanowitsch hat den passenden Comic dazu aufgetrieben (gezeichnet von einem gewissen Randall Munroe) und gleich noch übersetzt.

Ooch, ist er nicht putzig, unser Niklas, wie er da ganz schüchtern seinen Zettelkasten erklärt? Und dieses Büro: so herrlich chaotisch.

„Ich muss immer aufpassen, dass … die richtige Stelle, also wenn die mal verloren sind, dann sind sie also nur durch Zufall wiederzuentdecken.“

Angesichts seiner Theorien und seiner ursprünglichen Tätigkeit als Verwaltungswissenschaftler hatte ich immer gedacht, Niklas Luhmann wäre ein ganz aufgeräumter, hartherziger Mensch, in dessen Büro alles fein säuberlich und thematisch geordnet in Regalen untergebracht ist. So kann man sich täuschen: Eigentlich kommt er doch ziemlich sympathisch rüber. Und naja, von „spießiger Ordnung“ kann man bei diesem Büro auch nicht sprechen…

Nachtrag 07.04.08: Wer sich selber mal (allerdings in elektronischer Form) einen Zettelkasten anlegen möchte, der findet hier das passende Freeware-Tool.

Über den Konflikt zwischen Verfechtern des Intelligent Design und denen der Evolutionstheorie habe ich mich hier vor einiger Zeit schon mal ausgelassen (man beachte vor allem die dort verlinkte Reportage über ein genau dieses Problem betreffendes Gerichtsverfahren in den USA.)

Nerdcore-René hat gestern ein nettes Video zum gleichen Thema gefunden (Link). Hier wird der Spieß umgedreht: Die Schöpfungsgeschichte wird auf wissenschaftliche Weise vorgetragen, während paralell dazu die wissenschaftliche Theorie über die Entstehung der Erde und des Menschen wie eine Predigt präsentiert wird. Auf jeden Fall amüsant gemacht, aber auch nachedenklich stimmend. Durch die bewusste Verdrehung zwischen Inhalt und Form fragt man sich, welche von beiden Versionen eigentlich unrealistischer klingt, (was allerdings nicht heißt, dass ich jetzt zum gläubigen Christen mutiere).